Mein Samurai und die Prüfung der Geduld


Ein „kleiner“ Blog-Beitrag zum Stand von Band II und warum ich mir zu viele Gedanken mache:

Ich schreibe ja eher weniger Blogs darüber, wie und wo und überhaupt ich gerade bei meinen Schreibprojekten stehe. Denn meistens möchte ich die Zeit, die ich fürs Blogschreiben brauche, doch eher gleich in die Manuskripte stecken. Und zu viel von der Handlung spoilern, möchte ich ebenso wenig.

Letztens bin ich aber ziemlich ins produktive Grübeln gekommen und dachte mir, dass ich diese Gedanken ja auch mit Euch teilen kann. Auslöser dafür war ein Song, den ich auf Youtube entdeckt habe und Anwärter auf einen begehrten Platz in meiner Schreib-Playlist geworden ist.

Doch, zuerst: Wer nur für den Stand der Dinge den Beitrag angeklickt hat, hier bitte sehr. Die neusten Zahlen:

Seiten: 323
Wörter: 103.552
Zeichen (inkl. Leerz.): 653.556
davon Kana: 107 :-)

Das ist viel. Für manche schon mehr als ein Roman. Wenn ich daran denke, dass es seit der Veröffentlichung von Das Schweigen des Schnees bald drei Jahre her ist, ist es aber nicht mehr sonderlich viel. Sehr wenig, wenn man weiss, dass die beinahe Hälfte davon eigentlich im letzten halben Jahr entstanden ist (Yeah, die Ein-Satz-pro-Tag-Regel funktioniert). Gut, ich könnte jetzt alles Dinge wie Uni, Arbeit, Praktika, Masterarbeit etc. zu meiner Verteidigung aufführen. Aber das soll hier gar nicht Thema sein.

(Bemerkung am Rande: Ob ich bald fertig bin? Theoretisch, rein anhand der Zeichenanzahl, der Seitenzahl und da ich mich mitten im dritten Hauptkapitel (ja, es werden wieder vier) befinde, sollte eigentlich mehr als die Hälfte des Romans stehen. Aber … ob ich auch die Hälfte der Handlung erreicht habe? Mich verfolgt das Gefühl, dass ich allein mit dem, was ich noch einbauen möchte, zwei weitere Romane füllen könnte. Nur viel Sinn würde so eine Splittung nicht machen.)

So. Alle, die nur wissen wollten, wie weit Band II nun ist, dürfen jetzt ungeniert wegklicken. Ab hier könnte es langwierig werden.

Zurück zu diesem Song, der den Stein ins Rollen gebracht hat. Wer mithören möchte, findet ihn per Google oder Youtube mit dem Songtitel „心は清き水かがみ“ und dem Sängernamen Kyounosuke Yoshitate. Kyounosuke, der einige wahnsinnig tolle Interpretationen von modernen Hits aus Japan klassisch umgesetzt hat, erschuf mit „Kokoro wa kiyoki mizu kagami“ eine Hommage an Hijikata Toshizô, die mich beim Lesen der Untertitel beinahe zum Weinen gebracht hat.

Einige von euch wissen vielleicht ja, dass ich zum absoluten Hijikata-Fangirl mutiert bin: Und damit meine ich nicht nur die Figur aus Hakuouki und anderen Games, Mangas etc., sondern auch die historische Person, die für all diese Figuren die Grundlage bot. Hijikata Toshizô, der als Vize-Kommandant der Shinsengumi während der Meji-Umstürze in den 1860er Jahren auf „Verliererseite“ mit Katana bewaffnet gegen Maschinengewehre kämpfte und als einer der letzten überlebenden Anführer den Heldentod auf dem Schlachtfeld wählte, statt sich zu ergeben, ist – und das war mir immer klar – das grosse Vorbild für meine männliche Hauptfigur Tsukiyama Yoru. Historisch betrachtet waren die Shinsengumi nie Heilige oder Überhelden. Aber die Idee des Bushido, des Wegs des Kriegers, bis ins Äusserste zu gehen und für seine Ideal einzustehen – auf solchen Grundsätzen wollte ich meinen Yoru aufbauen.

Und damit hängt vermutlich eines der grössten Probleme zusammen, mit denen ich mich beim Schreiben gerade beschäftigte. Yoru – von allen Figuren – war für die meisten Leser fremd und unverständlich. Natürlich, ich könnte jetzt das einfach darauf abschieben, dass der „Samurai-Gedanke“ jetzt nicht allen geläufig und an sich schwer nachvollziehbar ist und daher Yoru wenig Begeisterung auslöste. Ausserdem wenn man liebenswerte Figuren wie Shiro oder Asa hat, wäre es eigenartig, dass der kühle, verschlossene Yoru daneben zum Leserliebling mutiert. Aber damit wäre das Problem zu einfach gelöst. (Ich hätte dann nämlich nichts zu ändern, ausser Yoru weniger Szenen zu geben.)

Da aber Yoru auf eine Art „mein Hijikata“ ist und ich ihn sehr lieb gewonnen habe, bekam er automatisch zu vielen Szenen. Wer das Ende von Das Schweigen des Schnees schon kennt, wird wohl annehmen, dass Band II eigentlich ganz Shiro und Asa gehört. Komisch nur, dass – vielleicht bilde ich es mir auch nur ein – Yoru eigentlich viel mehr Aufmerksamkeit und „Auftrittszeit“ von mir bekommt und ich mich daran etwas gestört habe und nur schleppend vorwärts kam. Und hier der springende Punkt meiner Überlegungen: Aber was … wenn das gar nicht schlimm ist? Was wenn genau das eigentlich die Lösung des Problems ist?

Nicht Yorus unverständlicher Kodex, nicht sein „Samurai“-Sein ist so schwierig. Es ist seine Figur an sich, die ich bisher einfach nicht genug entwickelt habe, ich gab ihr zu wenig Luft zum Atmen. Während Asa und Shiro schon immer selbstbestimmt waren und mich an der Nase rumführten, hat Yoru brav das getan, was ich von ihm verlangte. Er hat höchstens oft gezögert, gezweifelt, nochmals gezögert. Dann habe ich ihn gedrängt, die Geduld verloren, Szenen übersprungen, weil ich nicht auf ihn warten wollte. Dabei hätte sich das Warten gelohnt. Im ersten Band war das Zweifeln aber daher alles, was ihn ausmachte . Aus diesem Gefühl, ihm Unrecht angetan zu haben, habe ich  bei Band II unbewusst wohl mehr „Yoru“ eingeplant und eingeschoben. Und langsam sehe ich, wohin es Yoru in seiner Entwicklung führen könnte.

Ein bisschen Yoru steckt eben auch in mir. Ich zweifle, ob es überhaupt interessant ist, mehrere Seiten – Kapitel gar – über eine Schlacht zu lesen, in der Yoru nur am Schluss selbst eingreift und dann auch noch eine eigenartige Spielemetapher braucht, um seinen Gegner in die Knie zu zwingen. (Ich fand das beim Schreiben genial. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Und doch, dann wieder genial. Oder doch nicht?) Genau diese Kapitel sind es rückblickend aber, die endlich das tun, was ich schon in Band I wollte: aus Yoru einen ernstzunehmenden Samurai machen und ihm Tiefe geben. Halbwegs. Denn noch ist es nicht perfekt. Noch braucht es etwas mehr.

Es gibt da einen Zettel an meinem Schreibtisch, der schon über eineinhalb Jahre hängt und sogar einen Umzug überlebt hat. Er ist klein, magenta-rot und es steht nur ein einziger Satz darauf: „Yoru braucht seine Armee.“ Der Satz stimmt für mich auf zwei Weisen. 1. Braucht Yoru eine Armee. Es ist inhaltlich einfach nicht mehr logisch, dass er eine Ein-Mann-Action durchzieht und für das, was noch auf ihn zukommt, braucht er grosse Unterstützung. 2. Braucht Yoru eine Armee. Weil ich nie bewiesen habe, das er tatsächlich ein toller Stratege, Heerführer und Kämpfer ist. Dafür wird es Zeit.

Ich muss wohl nicht verraten, dass der Zettel immer noch hängt. Und Yoru immer noch keine Armee hat.

Aber – und das sollte ich eigentlich von Yoru inzwischen gelernt haben – ein echter Samurai ist geduldig. Ich werde nicht mehr vorpreschen, nichts mehr bemühen wollen, nur damit es „gefällt“ und Band II endlich fertig wird. Bei Band I habe ich geschrieben, weil es Freude gemacht hat. Band II lässt so lange auf sich warten, weil es zwar noch Freude macht, aber ich immer diese kleine, fiese Stimme im Kopf habe, die sagt: „Das versteht doch niemand. Das gefällt doch niemandem. Das ist zu wenig …“

Tschüss, Stimme!  Yoru entscheidet auch nicht danach, was anderen gefällt.

Ich bin etwas abgedriftet – was zu erwarten war. Was ich eigentlich sagen wollte: Ich stelle mich der Prüfung der Geduld.

Band II kommt. Wenn es fertig ist. Und neben Yoru bekommen auch Asa und Shiro genug Szenen (inklusive einem Berg neuer und alter Nebenfiguren). Versprochen.

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