Leseprobe: Das Schweigen des Schnees


Zwischenwelten

Es schneite. Die mannshohen Zedern waren mit kleinen, weissen Hauben bedeckt und der Weg unter seinen nackten Füssen knarzte laut, als die Eiskristalle unter seinem Gewicht zerbrachen. Das war alles, was er hörte. Der Garten war in ein weisses Schweigen aus Schnee gehüllt. Es dauerte einen Moment, ehe er erkannte, wo er sich befand. Es war der Garten der Tsukiyama Burg, in dem er früher oft gespielt hatte. Und doch war er es nicht ganz. Irgendetwas schien nicht zu stimmen.

Die Farben des Schnees und das Braun der Bäume leuchtenden matt im Halbdunkeln des lichtlosen Himmels. Als würde eine unsichtbarer Vorhang aus grauem Stoff über allem liegen. Yoru hätte nicht sagen können, was für eine Tageszeit es war. Wenn er versuchte, die Welt aus den Augenwinkeln zu beobachten, war es ihm, als würde sie zu einem konturlosen Wirbel verschwimmen.

Er wusste nicht, wohin er sollte, doch seine Füsse trieben ihn ohne sein Zutun weiter durch den Garten. Yoru wunderte sich, warum er nicht fror. Es war tiefster Winter, Schneeflocken taumelten vor seinen Augen durch die Luft und dennoch war es kein bisschen kalt. Nicht einmal der sonst so frostige Wind konnte ihm etwas anhaben.

Von der Kälte unbeeindruckt schien auch die Gestalt, die er auf dem Holzplateau des kleinen Teiches, der bald schon vor Yoru auftauchte, hocken sah. Das Wasser war noch nicht ganz zugefroren, doch einzelne Eiskristalle und Schollen bedeckten glitzernd die Oberfläche. Der Mann kniete in einem einfachen grauen Kimono vor dem Wasser und hatte die Hände über den Schoss gefaltet. Seine schwarzen Haare, die zweckmässig am Hinterkopf zusammengebunden worden waren, besassen eine solch dunkle Farbe, dass sie das Licht um sich herum aufzusaugen schienen. Der Mann schien auf das Wasser hinaus zu starren. Yorus Füsse trugen ihn näher und erst, als er die leere Schwertscheide neben den Knien des Mannes entdeckte und überrascht in dessen Gesicht sah, erkannte er ihn.

„Vater…“

Leseprobe aus:

Das Schweigen des Schnees

Taschenbuch, ca. 560 Seiten,

voraussichtlicher Erscheinungstermin Winter 2013/147

Papierfresserchen MTM-Verlag

http://www.papierfresserchen.de/texte/seite.php?id=133870

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