Kleine Schreibfibel | Von Entwicklern und Planern


Etwas vom ersten, das ich im Gespräch mit anderen Autorinnen und Autoren feststellte: Jeder hat seine eigenen Herangehensweisen und Arten, wie das Manuskript zustande kommt. Dabei kam immer wieder die Frage auf:

Bist du Gärtner oder Architekt?

Die beiden Begriffe stammen wohl von George R.R. Martin (Shame on me, ich hab mich noch immer nicht an Games of Thrones gewagt) und bezeichnen eigentlich zwei Schreibpole, die an sich nicht neu sind. In manchen Foren ist die Rede von „Discovery Writer“ und „Outliner“, ich benutzte bisher meistens die Worte „Entwickler“ und „Planer“. Aber egal, wie man es nennt, eigentlich meint alles dasselbe. Generell ist man sich einig, dass es keine Trennung zwischen den Polen gibt, sondern eher ein Fliessen, ein „Geneigtsein“, ein „Sich-eher-der-einen-Richtung-zugehörig-Fühlen“.

Vor allem für neue Schreiber kann es aber hilfreich sein zu sehen, dass es noch eine andere Herangehensweise ans Schreiben als die eigene gibt. Deshalb hier kurz die Übersicht zu den beiden Polen:

Der Architekt / Outliner / Planer

Die grösste Arbeit des Planers beginnt vor dem eigentlichen Schreiben des allerersten Satzes. Wie der Name schon sagt, werden Figuren, Plot und Kapitel ganz genau durchgeplant. Manche Autoren legen sich dazu eine Art Kapitel-Raster an, in dem sie die Handlung kurz anreissen. Diese erste Grobfassung dient später als Grundgerüst des eigentlichen Manuskripts. Eine andere (ergänzende) Möglichkeit ist, mit Spannungsbögen (dazu später mehr) zu arbeiten.

Vorteile:

Logikfehler werden vermieden und es ist einfacher, einen roten Faden durch die Geschichte zu ziehen. Durch die Planung wird das Ganze „rund“ und der Autor verzettelt sich weniger schnell in Kleinigkeiten und unwichtigen Nebenhandlungen. Ist die Planung gut gemacht, läuft das Schreiben schnell und ohne Schreibblockade ab.

Nachteile:

Die Planung kann dafür sorgen, dass das Ganze während dem Schreiben sehr starr wird. Das „Abschreiben“ der Geschichte, die im Kopf ja längst steht, kann eintönig sein und in harte Arbeit ausarten.

Geeignet für:

Perfektionisten oder Schreiber, die schnell den Faden verlieren. Wenn du gerne die Kontrolle über das Geschehen hast, fühlst du dich als Planer sicherlich wohler. Komplexe Genre wie Thriller, Krimi, historische Romane oder monumentale Fantasy sind ohne Planung kaum stringent realisierbar. Und: Wer für eine Ausschreibung oder auf Auftrag schreibt, kommt um gute Planung kaum rundum.

Der Gärtner / Discovery Writer / Entwickler

„Die Geschichte hat sich von selbst geschrieben.“ „Die Figur hat das Ruder an sich gerissen.“ Wenn du solche Sätze in einem Nachwort liest, kannst du sicher sein: Der Autor ist hauptsächlich ein Entwickler. Discovery Writer oder Gärtner plotten ihre Geschichte laufend während des Schreibprozesses und lassen sich vom „Flow“ treiben – sie entdecken die Geschichte, als würden sie diese gerade selbst lesen. Auch wenn von Planern häufig angezweifelt, haben aber auch Entwickler bereits eine Ahnung, wohin die Geschichte gehen soll. Denn zumindest musste am Anfang die Grundidee stehen, damit der Fluch der leeren Seite (auch hier folgt noch mehr) gebrochen werden konnte.

Vorteile:

Die Geschichte ernährt sich aus der Kreativität und der Entdeckerfreude des Schreibers. Spontane Ideen fliessen so rasch ins Konzept ein. Frust und das Gefühl der harten Textarbeit rücken derweil  in den Hintergrund.

Nachteile:

Verzettelungsgefahr! Alle Fäden in der Hand zu halten und den Überblick über die Geschichte zu bewahren, kann stellenweise schwierig werden. Manchmal lassen sich grössere Korrekturen nicht vermeiden, wenn man die Figuren unbewusst in eine Sackgasse manövriert.

Geeignet für:

Leute voller sprudelnder Kreativität und Schreiber, denen Planung nicht besonders liegt. Auch besonders bei biografisch angehauchten Schreibern beliebt. Simplere Handlungsansätze wie in Liebesromanen, Fantasy oder Slice of Life lassen sich so meist schneller und für den Autor spannender texten als mit starrer Planung.

Meine Erfahrung: Die richtige Mischung machts

Wie so oft liegt die Lösung irgendwo dazwischen. Tatsächlich ist mir noch nie ein reiner Planer oder Entwickler untergekommen, stattdessen schreiben die meisten Autoren mit einer individuellen, für sie passenden Mischung aus beiden Richtungen. Für mich als Teenie war das entwickelnde Schreiben der Einstieg, je erfahrener ich werde, desto öfters greife ich aber auf organisatorische Planungshilfen zurück. Meine Asia-Saga, die immer noch recht entwickelnd zustande kommt, wäre ohne einem Berg an Notizen und Vorausplanungen, einem Grobkonzept für die Handlung und mindestens drei verschiedenen Enden pro Buch niemals realisierbar. Dazwischen lasse ich aber viel Raum, um mich doch noch von den Figuren überraschen zu lassen. Schliesslich will ich beim Schreiben wie von einem guten Film oder Buch unterhalten werden.

Beispiele gefällig, bei denen ich eher in eine Richtung tendierte? Tja, manchmal muss man mit den Konsequenzen leben.

Typisch Entwickler: mein allererstes Manuskript

"Das war deine Idee! Das Wolkenpferd, das du mir gezaubert hast, hat den anderen so gefallen, dass wir entschlossen haben diese Tiere zu züchten. Hinten im Wald steht eine ganze Herde! Mit ihnen sind wir hergekommen.“

Warum nochmal hab ich überhaupt ein Wolkenpferd erfunden? Ab sofort musste ich damit leben, dass meine Figuren viel schneller von A nach B reisen konnten. Und mir andere Ausreden einfallen lassen, warum sie es nicht taten.

Typisch Planer: mein historischer Roman

„Hier ist mein Platz“, antwortete der Johanniter entschuldigend. „Und hier werde ich bleiben, solange der Herr es von mir verlangt.“ Mit einem letzten Gruss an ihn und Kalil verliess Bertrand den Raum und verschwand in den Gängen des Hospitals, um seiner Bestimmung zu folgen.

Zeitdruck, Seitenbegrenzung und meine starre Planung sorgten dafür, dass ich die Figur mit dem meisten Potenzial ziehen lassen musste. Blöd.

Und Wie schreibst du?

Hast du deine Schreibart noch nicht gefunden? Dann teste aus und versuche es als Planer oder Entwickler. Auch wenn es nicht klappt oder dir nicht liegt, lernst du dabei, was dir gefallen hat und was nicht, und du findest so zu deinem ganz eigenen Schreibstil. Viel Spass und viele weitere Entdeckungen auf deiner Schreibreise!

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