Kleine Schreibfibel: Aller Anfang ist schwer


 

Hier beginnt ein Artikel zum Thema Anfänge.

So könnte ich starten, um den Fluch der leeren Seite zu brechen. Aber wir sind uns wohl einig, dass es bessere Sätze gibt, einen Text anzufangen. Zum Beispiel einen, der erklärt, was ein Anfang überhaupt leisten soll. Das kann Fritz Gesing besser als ich, weshalb ich ihn gerne wieder mal aus „Kreativ schreiben“ zitiere:

Der Anfang muss den Leser neugierig machen und in die Geschichte hineinziehen, er muß ihn fassen und festhalten. (S. 140)
Ein Anfang sollte also spannend sein und gleichzeitig das Thema, das Setting und die zentralen Figuren vorweg nehmen. Keine leichte Aufgabe also. Wie ist das machbar?
Ich zeige euch gleich ein paar Beispiele, bei denen dies mehr oder weniger gut gelungen ist. Schon vorweg: Das ist keine Wertung von guten oder schlechten Anfängen, sondern bloss eine Übersicht. Lasst euch daher auch nicht verunsichern oder hemmen, sondern nutzt das Wissen über verschiedene Anfangstechniken lieber als Erweiterung für euer Handwerk und euer Schreibalter.

Der Klassiker – Der STurzflug

Wie ein Adler vom Himmel herabsteigt, um unten seine Beute zu schnappen, so fliegt der Erzähler zu Beginn mit dem Leser von oben nach unten bis zum Hauptprotagonisten. Die Technik ist schon ziemlich veraltet und heute so gut wie gar nicht mehr präsent. In älteren Texten begegnet sie uns allerdings häufig. So etwa auch bei Jeremias Gotthelfs „Die schwarze Spinne“:

Über die Berge hob sich die Sonne, leuchtete in klarer Majestät in ein freundliches, aber enges Tal und weckte zu fröhlichem Leben die Geschöpfe, die geschaffen sind, an der Sonne ihres Lebens sich zu freuen. (S. 3)

Merkt ihr, was hier geschieht? Über die Berge und die Sonne steuert uns der Erzähler runter auf die Erde. In den nächsten Sätzen beschreibt er die Umgebung, dann ein schmuckes Haus und schliesslich die gottesfürchtigen Menschen, die darin leben und denen wir gleich auf eine Hochzeit folgen werden.

Ein etwas moderneres Beispiel stürzt sich auch von oben nach unten:

Weit draußen in den unerforschten Einöden eines total aus der Mode gekommenen Ausläufers des westlichen Spiralarms der Galaxis leuchtet unbeachtet eine kleine gelbe Sonne. Um sie kreist in einer Entfernung von ungefhär achtundneunzig Millionen Meilen ein absolut unbedeutender, kleiner blaugrüner Planet, dessen vom Affen stammende Bioformen so erstaunlich primitiv sind, daß sie Digitaluhren noch immer für eine unwahrscheinlich tolle Erfindung halten. (Per Anhalter durch die Galaxis, Douglas Adams, S. 7)

Die Technik hat den Vorteil, dass das Setting und die Figuren ziemlich schnell eingebettet sind. Nur ist sie nicht sonderlich spannend und kommt nicht schnell zum Punkt. Ich selbst habe einmal versucht, sie angepasst zu verwenden, und mag die Stelle eigentlich ganz gerne. Bei vielen Lesern hat das aber zu Stirnrunzeln geführt, da die Technik uns heute doch sehr fremd ist. Heute würde ich es darum etwas anders machen. Wisst ihr wo? Nein? Dann hier kurz meine „Umsetzung“:

Wäre man ein Adler und könnte von den Winden getragen über die Welt segeln, hätte man unter sich vielleicht eine verwüstete Stadt gesehen, sich dahinter auftürmende schwarze Berge und einen verlassenen Felsenkrater, aus dem zu diesem Zeitpunkt gerade kleine Gestalten kletterten, um ihr neues Leben zu beginnen. (Das Schweigen des Schnees, Epilog, S. 500)

 Noch ein Klassiker – DAs WWW  (Wo, Wer und Was)

Ziemlich verbreitet ist die Methode, eines oder mehrere der WWW im ersten Satz aufzugreifen. Wo spielt die Geschichte? Wer ist der Handlungsträger? Und was für ein Problem oder was für eine Intention hat er?

Ein Beispiel für das Wo (und eigentlich auch für das Wer):

Seldwyla bedeutet nach der älteren Sprache einen wonnigen und sonnigen Ort, und so ist auch in der Tat die kleine Stadt dieses Namens gelegen irgendwo in der Schweiz. (Die Leute von Seldwyla, Gottfried Keller, S. 5)

Ein Beispiel für das Wer (plus das Wann, Wo und Was):

Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. (Das Parfüm, Patrick Süskind, S. 5)

Die WWW bringen die nötigen Informationen für den Leser, in die Geschichte einsteigen zu können. Damit er gepackt wird und dranbleibt, braucht es aber mehr. Wortwitz oder ein Paradoxon etwa. Ich selber versuche deshalb, solche Einstiege zu vermeiden, die zu plakativ und zu vorwegnehmend wirken.

Der Evergreen – In Medias Res

Was dem WWW-Anfang fehlt, darauf setzt der direkte Einstieg ins Geschehen: Spannung. Ich vermute, dass diese Technik die verbreiteste ist und vor allem in den Genres Fantasy und Romance häufig eingesetzt wird. Hier beginnt die Geschichte unvermittelt ohne grosse Einleitung oder Erklärung. Der Leser wird aufgefordert, sogleich an der Handlung teilzunehmen. In medias res-Anfänge starten deshalb häufig mit einer direkten Rede:

Macht euch nicht lächerlich, Abbé. Die Bestie ist tot. (Sanctum, Markus Heitz, S. 5)

Der Autor wirft uns hier gleich mitten in einen Dialog, dessen Anfang uns fehlt. Wer ist hier der Abbé? Und welche Bestie? Spannung wird hiererzeugt, indem die WWW ausgelassen werden. Der Nachteil ist, dass der Autor nun verpflichtet ist, diese WWW-Fragen schnell nachzuholen, da er eine Erwartungshaltung des Lesers aufgebaut hat. Ein Beispiel, wie in medias res ohne direkte Rede funktioniert:

Azoth hockte in der Gasse, kalten Schlamm zwischen den Zehen. (Der Weg in die Schatten, Brent Weeks, S. 7)

Wer ist Azoth? Warum hockt er in der Gasse (welcher überhaupt) und warum barfuss? Der direkte Einstieg funktioniert immer. Aber es braucht cleveres Storytelling, um die Spannung in den nächsten Sätzen weiter aufrecht zu erhalten.

Das Paradoxon

Fragen aufwerfen, um den Leser an der Angel zu haben, bis die Antwort geliefert wird. Diese Methode benutzt auch der Paradoxon-Anfang. Auf den ersten oder zweiten Blick ergibt der Einstieg keinen Sinn. Und dieses Rätseln treibt uns zum Weiterlesen, wie etwa bei diesen Beispielen:

Der Tag, an dem ich starb, hat nicht wirklich Spaß gemacht. (Mieses Karma, David Safier, S. 7)

 

Das Volk hat mich wohl am meisten überrascht. (Er ist wieder da, Timur Vermes, S. 7)

Als Leser liebe ich solche Anfänge – als Autorin wünschte ich, solche schreiben zu können. Für mich die höchste Kunst der Anfänge – aber es geht noch meisterhafter …

Die Königsklasse – DAs ganze Buch im ersten Satz

Das klingt im ersten Moment langweilig. Ein Satz, der alles erzählt, was in den nächsten 200 Seiten geschieht? Warum soll das so toll sein? Es geht hier nicht darum, dass der Satz die Handlung 1×1 vorweg nimmt, sondern das Hauptthema der Geschichte, den Konflikt, aufgreift und vielleicht auch schon subtil andeutet, wie dieser gelöst wird. Wie das gemeint ist, zeigen am besten diese Beispiele:

Ich bin nicht Stiller! (Stiller, Max Frisch)

Die ganze Thematik der Identitätskrise des Hauptcharakters liegt in diesem verneinenden Satz ganz zu Anfang. (Und die Neugier ist dank in medias res und dem Paradoxon der Verneinung auch gleich mit integriert).

Von März bis Dezember, schreibt Rudolf, während ich, was in disem Zusammenhang gesagt sein muß, große Mengen Prednisolon einzunehmen hatte, um meinem zum dritten Mal akut gewordenen Morbus boeck entgegenzuwirken, trug ich alle nur möglichen Bücher und Schriften von … (Beton, Thomas Bernhard, S. 7-8)

Ich muss gestehen, als ich den Satz das erste Mal las, dachte ich mir, gerade den längsten und schlimmsten Einstieg in meiner Leserkarriere entdeckt zu haben. Oben habe ich euch nur die ersten paar Zeilen zitiert, weil das Ding bis zum ersten Punkt bis zur Mitte der zweiten Seite dauert. Ein Unding an Verschachtelung und Info. Aber: Unglaublich clever. Bernhard macht hier tatsächlich den Königseinstieg. Das gesamte Problem der Figur wird aufgedeckt und sogar Lösungsvarianten werden angedeutet. Allerdings muss man das Buch zu Ende lesen, um die Andeutungen zu verstehen. (Übrigens ist das der einzige lange Schachtelsatz im ganzen Werk – also kein Zufall.) Für Belletristik ist so eine Umsetzung der Technik aber der Genickbruch schlechthin. Also lieber den Literaturpreisträgern überlassen.

Der Running Gag – Verbinde Anfang und Schluss

Meine Lieblingstechnik, die ich gerne für Kapitelanfänge und -enden benutze. Der Einstieg erfolgt hier durch einen oberflächlich stupiden und phrasenhaften Satz, der im Laufe der Handlung allerdings zentral und am Ende des Buches nochmals aufgegriffen wird. Ich liebe ja überraschende Enden – und dank dieser Technik ist der Wow-Effekt nochmals grösser.

Mein liebstes Beispiel:

Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm. (Der Schwarze Turm, Stephen King)

Der erste Satz setzt hier etwas schwach ein, verglichen mit den Techniken oben, und wirkt wie ein verzweifelter Versuch, Spannung zu erzeugen. Aber: Auch er enthält die ganze Geschichte. Ohne zu spoilern: Der Satz hat es in sich!

Und nochmals Moers – äh Mythenmetz – weil er wie immer alles richtig macht. Wir erinnern uns an den Anfang des Werks „Die Stadt der träumenden Bücher“ (siehe Fluch der leeren Seite):

Hier fängt die Geschichte an. (S. 9)

Dieser lapidare Satz wird ein paar Seiten später auf einer Meta-Ebene erklärt und wieder aufgegriffen. Und es verwundert nicht, dass Mythenmetz sein Buch mit den Worten schliesst:

Denn hier hört die Geschichte auf. (S. 456)

Dieses Grundgerüst von Verbindung und Umrahmung ist musterhaft für verbindende Anfänge – wenn auch hier satirisch stupid umgesetzt.

Welche Anfänge gibt es noch?

Das hier waren meine Beispiele, aber es gibt noch viel mehr Möglichkeiten, ein Buch zu beginnen? Welche kennt ihr und würdet ihr empfehlen?

 

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