Die Suche nach dem Silberschweif


Die Weihnachtsgeschichte ist nun online nachlesbar!

Die Geschichte um Aija und Spatz wurde am 28. Dezember 2012 auf der Zoom-Seite des St. Galler Tagblatts im Rahmen der Aktion „Fünf Kurzgeschichten“ abgedruckt.

http://www.tagblatt.ch/intern/focus/Die-Suche-nach-dem-Silberschweif;art120371,3248489

Die Suche nach dem Silberschweif

von Bettina Bellmont

Der Wind zischte boshaft in ihren Ohren, fauchte, tobte. Er fegte mit eisiger Kälte über ihren Rücken hinweg und drückte ihren schmalen Körper unbarmherzig gegen die Felswand. Aija tastete vorsichtig mit den Fingerspitzen nach einem Vorsprung oder Riss, an dem sie sich weiter nach oben ziehen konnte, doch ihre Hand griff ins Leere. Schwirrende Eiskristalle zerkratzten ihr das Gesicht.

Sie gestand sich ein, dass es längst Zeit zur Umkehr gewesen wäre. Selbst durch ihre Felljacke spürte sie die eisige Kälte ihre Glieder hochkriechen. Bald würde sich der Sturm in einen jener gefürchteten Blizzards verwandeln, die ihr Dorf Jahr um Jahr kurz vor der Jahreskreiswende heimsuchten. Doch Aija wollte nicht umkehren. Nicht jetzt. Nicht heute. Heute war der Tag, an dem man ihn sehen konnte, am viertletzten Tag vor der Jahreskreiswende. Heute war Aijas einzige Chance, endlich dem Silberschweif zu begegnen. Seit ihre Grossmutter von diesem Tier erzählt hatte, hatte sie der Gedanke, den Silberschweif einmal mit eigenen Augen zu sehen, nicht mehr losgelassen. Am viertletzten Tag vor der Jahreskreiswende würde der Silberschweif sein Nest hoch oben in den Eisbergen verlassen, so hiess es. Und dorthin war Aija schon seit einem halben Tag unterwegs. Im Dorf mussten sie längst von Aijas Abwesenheit erfahren haben. «Ob sie mich wohl suchen kommen?», fuhr ihr durch den Kopf, doch sie schüttelte den lästigen Gedanken hastig ab und zog sich hoch, da sie endlich einen passenden, etwas schräg liegenden Vorsprung gefunden hatte.

«Aija. AIJA!» Durch das Tosen des Sturms gelangte ein leises Rufen an ihr Ohr. Aija zuckte entsetzt zusammen. Sie kannte diese Stimme. Kein Zweifel. «Aija! Warte! Wo bist du…» Das konnte doch nicht wahr sein! «Spatz!», schrie sie verärgert nach unten und musste sich dabei konzentrieren, nicht von dem eisigen Fels unter ihren Füssen abzurutschen. «Spatz! Was machst du hier? Komm mir nicht nach!» Ihre Worte bewirkten nicht das, was sie beabsichtigt hatte. «Aija? Aija! Du bist es! Komm runter! Die Dorfältesten machen sich Sorgen.» Aija wehrte sich: «Nichts da! Ich werde den Silberschweif finden. Und du wirst mich nicht aufhalten.» Verwundert registrierte sie, dass darauf keine Antwort folgte. Spatz, der kleine, ewig jammernde Junge, der ihr ständig am Rockzipfel hing, schwieg. Vielleicht, so dachte sich Aija, ist er längst zurückgekehrt. Besser für ihn. Hier oben ist es nicht sicher.

Sie wollte gerade ihren Weg fortsetzen, als ein leises Wimmern sie innehalten liess. Spatz‘ Stimme drang durch den dichten Schneesturm zu ihr hinauf: «Eeee. Aijaaa. Ich hänge fest. Ich habe Angst. Aijaaa.» War er ihr etwa nachgeklettert? Sie zischte verärgert durch die Zähne und rief nach unten: «Warte, Du Dummkopf.» Vorsorglich hatte sie sich für den Abstieg ein Seil um die Hüfte gebunden, nun wickelte sie dieses ab, balancierte wagemutig der Felswand entlang, bis sie eine geeignete Stelle gefunden hatte, und benutzte eine breite Felsspitze, um das Seil daran zu befestigen. Sie warf das Ende nach unten und rief ins weisse Nichts unter ihren Füssen: «Spatz? Da ist ein Seil, links, siehst du? Komm hoch.» «Ich kann nicht.» Es klang mutlos. «Ach, mach doch, was du willst. Komm hoch oder warte auf mich, bis ich zurückkomme.» Sie wartete keine Antwort ab, sondern begann wieder mit dem Aufstieg. Ihre Finger schmerzten vor Kälte, und sie ahnte, dass sie sich beeilen musste. Wenn Spatz schuld daran sein würde, dass Aija den Silberschweif verpasste, konnte er was erleben, sobald sie wieder unten war, das schwor sie sich.

«Aija. Aija. AIJA!» Plötzlich war das Rufen wieder da, und dieses Mal viel näher als zuvor. Vorsichtig wandte sich Aija um und blickte direkt auf Spatz‘ kurzen Rotschopf. «Wie bist du…», Aija stockte mitten im Satz, als sie Spatz‘ angsterfüllte Augen sah. Der Junge fürchtete sich dermassen, dass er in Eiltempo und ohne nachzudenken zu ihr hochgestiegen war. Unwillkürlich schlich sich ein mitleidiges Lächeln auf Aijas Lippen, und sie versprach: «Wir haben es bald geschafft. Danach bringe ich Dich zurück.» Spatz schwieg und nickte tapfer. Er folgte ihr ohne ein weiteres Wort, und so kamen sie langsam, aber stetig voran. Plötzlich schälte sich vor Aijas Kopf eine schwarze Felswand aus dem Schneegestöber. Sie erstarrte erschrocken. War es nun vorbei? Würde sie den Silberschweif niemals sehen? Sie blickte nach unten, um Spatz über ihren Rückzug zu berichten, doch noch ehe sie den Mund öffnen konnte, quiekte dieser: «Nein! Vorne! Sieh nach vorne, Aija! Der Silberschweif!»

Vor lauter Schreck liess Aija den Fels los, verlor das Gleichgewicht und stürzte nach hinten. Sie spürte noch, wie Spatz sich geistesgegenwärtig an ihre Beine klammerte und mitgerissen wurde, doch sie hatte nur noch Augen für das Schauspiel über ihr. Der Silberschweif war direkt vor ihr und setzte gerade zum Abflug aus seinem Nest an. Aija und Spatz hatten sich direkt unter dem Felsvorsprung befunden, auf dem das riesige, schneeweisse Tier nun seine Schwingen ausbreitete. Noch während Aija nach hinten fiel, konnte sie die silbern schimmernde Raubkatze mit ihren schwanengleichen Flügeln in die Lüfte abheben sehen. Krallenbewehrte Tatzen leuchteten wie Eiskristalle auf, und das schwarzweiss gepunktete Fell schien wie von einem inneren Feuer erhellt zu glühen. «Aija!» Erst Spatz‘ Ruf war es, der sie wieder zur Besinnung brachte. Aija warf ihre Arme instinktiv nach vorne und grapschte nach dem langen, silbernen Schweif aus Federn, welchen die Raubkatze hinter sich herzog. «Ja!», rief Aija glücklich auf. «Ja! Wir haben ihn, Spatz! Wir haben…» Da liessen die Federn nach, Aija und Spatz stürzten in die Tiefe. Aijas Hand blieb nur eine einzelne Feder zurück, während über ihnen der Silberschweif in der sturmverhangenen Nacht verschwand. Aija und Spatz schrien auf.

«Was treibt ihr da oben? Anna? Emil? Kommt ihr endlich runter!» Mit einem Schlag wurden aus Aija und Spatz wieder Anna und Emil. Anna kletterte mit verschmiertem Gesicht und staubigen Hosen an die Luke zum Estrich und blinzelte grinsend die hölzerne Leiter hinunter, dorthin, wo bereits Mama mit in die Hüften gestemmten Händen stand und ungeduldig zu ihnen hochsah. «Schatz», klagte Mama, «wie siehst du denn aus? Und wo ist dein kleiner Bruder? Kommt da runter. Oma ist bald da.» Anna hatte das nicht vergessen. Oma hatte viele Enkel, und weil sie nicht gleichzeitig bei allen zu Weihnachten vorbeischauen konnte, kam sie die Tage danach auf Besuch, bei Anna und Emil immer am 28. Dezember. «Schade», sagte Oma jedes Mal gleich zu Beginn. «Schade, dass Euer Tannenbaum schon so dürr ist. Wenn er wenigstens einen Stern auf der Spitze hätte.» Anna musste kichern, als sie daran dachte, wie Oma in diesem Jahr wohl reagieren würde, und kletterte hastig die Leiter hinunter. Während ihr Emil Weihnachtslieder quakend folgte, streckte Anna ihrer Mama triumphierend die gemeinsame Beute entgegen. «Sieh mal, Mama», sagte sie. «Wir haben endlich den Silberschweif für den Tannenbaum gefunden.»

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