Be Brave – Die Selbsthilfegruppe für männliche Protagonisten (Teil #1)


 Be Brave

Ein eigenartiger Haufen

Mitten in einer Turnhalle im Nirgendwo hat jemand ein paar Klappstühle zu einem improvisierten Kreis angeordnet. Männer stehen etwas ratlos darum herum. Sie sind völlig unterschiedlich gekleidet, einige gar bewaffnet. Es scheint, als stammen nicht alle aus derselben Zeit – geschweige denn derselben Welt. Sie mustern sich misstrauisch, während von draußen eigenartige Geräusche zu hören sind. Streitet sich da jemand hinter der roten Metalltür?

Endlich ergreift einer von ihnen das Wort. »Jemand eine Ahnung, was wir hier machen?«, erkundigt sich ein blonder Hüne mit langem Pferdeschwanz etwas salopp. Als die anderen nicht antworten, zieht er die Gurte seines Köchers über den Kopf und legt Bogen und Pfeile an einen der Klappstühle. Breitbeinig lässt er sich darauf sinken und grinst die anderen frech an. »Basil«, erklärt er. »Mein Name ist Basil. Ich bin Bote der Rebellentruppen im Krieg gegen Enwoll.«

Wieder antwortet ihm nur die Stille. Kaum einer begegnet Basils neugierigem Blick. Draußen rumort es. Doch dann tritt einer der anderen doch einen Schritt nach vorne und lächelt: »Mi… Ach! Nein. Ich habe so viele Namen, die Autorin hat sie ständig geändert. Nur einer blieb. Ich bin … Eldradjan.«

Es ist ein Junge, eher schmächtig gewachsen und im Vergleich zu Basil um einiges kleiner. Kastanienbraune Haaren locken sich über seinen Ohren. In den Augen glitzert der Schalk. Auch seine einfache Kleidung – schwarze Hose und ein wollener Wams – scheinen nichts Besonderes zu sein. An der Hüfte jedoch baumelt eine prächtig verzierte Schwertscheide und der Knauf, der daraus hervorschaut, ist mit einem kunstvollen Stichblatt in Form einer Rose abgeschlossen.

Die anderen Männer sind aufgeschreckt. »Autorin?«, flüstern sie und wechseln einige rasche Blicke. Langsam scheinen sie zu verstehen.

»Mes amis«, ergreift ein Ritter in einem weißen Gewand das Wort. »Ich kann mir denken, was hier vor sich geht. Wir sind alle …« Er legt eine dramatische Pause ein, um sich zu versichern, dass ihm auch alle zuhören. »… die Hauptfiguren einer anderen Geschichte. Und unsere Autorin hat uns hierher geschrieben.«

Murmelndes Zustimmen erfüllt die Turnhalle. Während die Männer zögerlich in den Kreis treten und Platz nehmen, steht Basil auf und tritt an den Ritter heran. »Das kann nicht sein«, wehrt er ab. »Ich bin nicht die Hauptfigur.«

»Ich auch nicht«, meldet sich Eldradjan. »Zumindest nicht ganz.«

Der Ritter schaut sich verwirrt um und will wissen: »Wer von euch ist eine Hauptfigur?«

Keiner rührt sich, schnauben nur beleidigt durch die Nase oder überkreuzen abwehrend die Arme. Nur eine einzelne Hand, schmal und beinahe schon damenhaft, hebt sich in einer theatralischen Drehung in die Höhe. »Mizuumi. Das ist der Name, der mir gegeben wurde.« Der seltsame Kerl in einem langen kleidähnlichen Gewand, das die anderen noch nie gesehen haben, dreht gelangweilt eine Locke seines langen, blauen Haares zwischen den Fingern.

»Ihr … Ihr seid eine Hauptfigur?«, wundert sich dessen Sitzbar, ein untersetztes blondes Bürschchen, der mit Abstand der jüngste von allen zu sein scheint.

»Und wie!«, grinst der Langhaarige und greift unter sein Gewand. Darunter zieht er ein weißes Blatt Papier hervor. »Hier! Das beweist es. Das lag hier im Kreis, als ich als Erster da war. Unsere werte Autorin hat uns eine Nachricht dagelassen.«

»Und Ihr behaltet die einfach für Euch?!«, schnalzt Basil. »Lest schon!«

Mizuumi räuspert sich. »Gemach, gemach, mein Herr Bote. Ich muss die Gelegenheit noch auskosten, solange Wölfchen und Tsukiyama sich draußen noch darüber streiten, wer denn nun von ihnen hier reindarf.« Hinter der Metalltür werden die Stimmen etwas lauter.

»Lest!«, fordern die anderen ungeduldig.

»Also gut, gut. Auf der Nachricht steht:

Selbsthilfegruppe für männliche Protagonisten:

Weil vor allem weibliche Heldinnen meine Bücher prägen …

Der Ritter räuspert sich, aber niemand scheint auf ihn zu achten.

… ich selber aber meist Bücher mit männlichen Protas lese, hab ich mir überlegt:

Was wohl geschehen würde, wenn man alle meine Helden – den jeweils wichtigsten aus meinen Büchern, meinen Projekten und Fragmenten – in einen Raum sperrt und abwartet?

Die Protagonisten wechseln unruhige Blicke. Irgendetwas lässt sie ahnen, dass da nichts Gutes auf sie zukommt.

»Das ist … alles?«, hakt Eldradjan nach.

Doch Mizuumi schüttelt den Kopf: »Nein. Hier noch die Aufgabe der ersten Sitzung: Stellt Euch mit Name, Titel eurer Geschichte und der Liebe eures Lebens vor.«

»Jacques Etienne Vermont, zweiter Sohn des Marquis Galladée«, beginnt der Ritter sogleich und neigt leicht den Kopf. »Der historische Roman hat den Arbeitstitel Akkons Gram und … meine Frau …« Nun kommt der Ritter doch ins Stocken. »Zahra«, hört man ihn noch leise flüstern, ehe er mit einer Handbewegung seinen Sitznachbarn auffordert weiterzumachen.

Der Bote seufzt: »Also noch einmal. Basil, aus den allerersten zwei Manuskripten der jungen Autorin, die sie Das Himmelszepter genannt hat, Melissa. So geht das, Herr Ritter!«

»Eldradjan … das … ist nicht mein richtiger Name … mehr ein Titel. Aber … die Autorin hat sich noch nicht endgültig festgelegt. Ich bin der Held aus Am Tag der Schwarzen Vögel, das gerade überarbeitet wird. Ich …«

»Spuck’s aus, Junge!«, lacht Basil amüsiert auf.

»Ich liebe Lynny!«

»Edi!«, ruft der kleine Junge mit dem blonden Schopf. »Eigentlich bin ich gar nicht der Held. Sondern … naja, nur der Kindheitsfreund-Typ.«

Einige seufzen leise und mitfühlend.

»Aber der Held existiert noch gar nicht. Nur als Idee. Die Autorin hat das Fragment, nennen wir es Shah, abgebrochen. Aber wenn ich hier sitze, heißt das wohl, sie hat uns nicht vergessen.«

»Und das Mädchen, na?«, will Mizuumi wissen.

»Aija.«

»Welch herrlicher Name! Meiner ist Mizuumi. Ich bin der tragische Held des Shortbooks Kame Nikki, das als Spin-off zu Das Schweigen des Schnees gedacht ist. Und mein Herz gehört natürlich allen Frauen dieser Welt!«

Es reicht den anderen gerade einmal für ein klägliches Lächeln. Auffordernd wandern die Blicke einen Stuhl weiter. Der Letzte in der Runde hat sich bisher nicht gemeldet. Eine schwarze Kapuze hängt ihm tief ins Gesicht und auch der Rest seines eher jugendlichen Körpers verschwindet hinter schwarzer Kleidung.

»Nova«, kommt es hinter der Kapuze hervor.

»Und weiter?«

»Nichts weiter. Mehr braucht man noch nicht zu wissen.«

Die Männer zucken mit den Schultern und blicken auf die Stühle, die leer geblieben sind. Ob sie wohl noch mehr werden? Kaum fassen sie den Gedanken, blitzt es über ihnen auf. In einem sich verpuffenden Funkenregen segelt ein kleines Stück Papier in die Mitte des Kreises. Mizuumi will schon danach schnappen, aber Basil ist schneller. »Nichts da, Herr Hauptfigur. Jetzt lese ich vor.«

Er blickt auf die Nachricht. Und seine Augen werden groß.

»Hausaufgaben?«, liest er erstaunt vor. Die anderen murren unwillig.

»Entscheidet, wer aus Das Schweigen des Schnees beim nächsten Mal in die Gruppe darf.«

»Ich bin gegen den Wolf!«, springt Mizuumi auf.

»Hier steht, es sind Hausaufgaben für die Leser. Nicht für uns«, korrigiert Jacques, als er sich über Basils Schulter beugt. »Das nächste Thema: Frauenprobleme.«

Das unwillige Murren wird lauter.

»Das kann doch nicht ihr Ernst sein!«, empört sich Jacques. »Ich werde auf keinen Fall …«

»Hat da jemand etwa Probleme?«, stichelt Basil.

»Ah, mein Lieblingsthema«, säuselt Mizuumi.

Die drei Jüngeren blicken verlegen zu Boden – zumindest die zwei, bei denen das Gesicht sichtbar ist.


Und jetzt entscheidet ihr:

Wer kommt in die Selbsthilfegruppe rein?

Shiro der Wolfsgeist oder Yoru der Samurai?

Und was für Themen wollt ihr sonst noch zur Tagesordnung machen?

Lasst es mich wissen, hier als Kommentar, auf Goodreads und Lovelybooks oder auf Facebook.

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